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Schicht

Frühschicht

In der Frühschichtwoche begann der Tag um 5 Uhr. Ich wohnte damals nicht weit von der Grube entfernt, fünf Minuten zu Fuß und ich stand vor der Markenbude. Hier holte ich meine Erkennungsmarke ab. Jeder Beschäftigte hatte eine solche, auf der die Personalnummer eingestanzt war. Über die Funktion der Marken später mehr… Das erste „Glück auf“ galt den Beschäftigten der Markenbude. Man kannte sich schon und ohne viele Worte gab er mir meine Marke in die Hand. Nun ging es geradewegs in die Kaue. Die Kaue war für den Bergmann die Umkleide. Hier waren die Duschen, ein Sanitätsraum für die Erstversorgung von verunglückten Kammeraden, Getränkeautomaten und die Steiger- Stuben untergebracht. Jeder Kumpel hatte seinen eigenen Korb, an denen die Sachen hingen, die man als Bergmann so brauchte. Dieser war weit oben unter der Decke. Über eine Kette, die über Umlenkrollen an den Wänden befestigt waren, ließ man diesen herunter. Nach und nach kamen jetzt auch die anderen Kollegen, der eine gut gelaunt, der andere eher weniger, aber ein „Glück auf“ gab es von jedem, der rein kam. Ich zog meine Straßenkleidung aus und hängte diese an den Korb. Dann nahm ich die Arbeitskleidung von der anderen Seite des Korbes vom Hacken und zog sie an. Gummistiefel und Schachthelm machten mich einsatzfertig. Gehörschutz und Handschuhe hängte ich mir an meine Arbeitstasche. Anschließen zog ich den Korb wieder unter die Decke. Jetzt noch zum Getränkeautomaten, die Flaschen aufgefüllt und weiter zur Steigerbucht. Aufgeteilt in mehreren Revieren waren diese auf dem Flur der Kaue. Je nachdem, in welchem Revier man arbeitete, ging man zu dem zuständigen Fenster. Hier war der Schicht-Steiger zu finden. Dieser vergab die anstehenden Arbeiten, zum Beispiel wer wo ein Geschoss bohrt, wer die Ladearbeiten übernahm oder wo die Baukolonne hin soll. Diese Aufteilung jedoch war nur vorgesehen. Es kam auch immer wieder vor, dass sich je nach Lage daran was änderte. Ich bekam heute die Aufgabe, im Baufeld 1815 auf der 3ten Teilsohle ein Geschoss zu bohren, im Anschluss noch eines auf der 6ten Teilsohle. Der Bohrwagen, ich hatte damals immer den Bohrwagen mit der Bezeichnung „Alimak 1“, sollte auf der 4ten Teilsohle stehen. Begeistert war ich jetzt nicht wirklich. Auf der 3ten Teilsohle floss das Wasser in vollen Strömen und ohne Pumpe ging da gar nichts. Auch war es von oben her ziemlich nass dort, denn es schüttete wie aus Eimern! Beflügelt von der Aussicht, voll im Regen zu stehen, ging ich jetzt weiter zum Schacht. Auf dem Weg zum Tagesstollen holte ich noch aus der Lampenbude meinen Selbstretter und das Geleucht. Am Schacht trafen sich alle Bergleute, Steiger und die Handwerker. Die Seilfahrt begann um 6.00 Uhr. Angefangen wurde mit der Fahrt zur 19ten Sohle. Die einfahrende Schicht traf unter Tage auf die ausfahrende Schicht. Der Förderkorb hatte Platz für 16 Personen je Etage. Jeweils zum Schichtwechsel standen drei Etagen zur Verfügung. Wir fuhren mit 12 Meter die Sekunde hinein und unsere Kollegen anschließend hinaus. War die Sohle abgefertigt, kamen noch die 14te, 13te und manchmal auch die 12te Sohle dran. Angekommen am Füllort trennten sich die Wege. Die einen fuhren ins Ostfeld und die Handwerker gingen in die schachtnahe Werkstatt. Ich musste mit meinen Kollegen ins Westfeld. Mit Geländewagen ging es hier bis zur 18ten Sohle auf einer Betonfahrbahn weiter. Angekommen gingen wir als erstes in unsere Pausenbucht. Ausgestattet mit Heizung, Tisch und Bänke war das hier unter Tage unser Pausenraum. Hier traf man sich zu Schichtbeginn, in der Pause und am Ende der Schicht. Jetzt wurde erst einmal angebissen. Anschließend ging der Weg zu Fuß weiter. Ich musste erst zur 4ten Teilsohle, den Bohrwagen holen. Angekommen und schon das erste mal durchgeschwitzt, fuhr ich mit dem Fahrzeug zur Tankstelle. Diese befand sich auf der Hauptstrecke. Die Tanksäule wurde von über Tage direkt über eine Standleitung einmal am Tag gefüllt. Mit vollen Tank fuhr ich zurück in den Abbau. Aus dem Gezähewagen, dieser war dem Bergmann seine Werkzeugskiste, noch Bohrkronen und Werkzeug geholt, ging es weiter zur 3ten Teilsohle. Das Ziel erreicht, war auch schon Schluss. Der ganze Stoß stand unter Wasser. Super, es war wieder mal die Pumpe ausgefallen. Runter vom Bohrwagen und langsam durchs Wasser Richtung Pumpe. Angekommen, natürlich liefen die Gummistiefel voll mit Wasser, brachte ich die Pumpe wieder zum Laufen. Das dauerte jetzt eine Weile, bis die Strecke trocken war und ich mein Geschoss bohren konnte. Zurück auf dem Bohrwagen und mit nassen Füßen fuhr ich zur 6ten Teilsohle. Hier sollte ja die Baukolonne erst die Strecke sichern. Wenn ich jetzt so lange warten würde, bis die Strecke ausgebaut war, schaffte ich mein zweites Geschoss nicht mehr. Also erst einmal überprüfen, wie es vor Ort aussah und ich eventuell hier zuerst bohren konnte. Nach ca. 120 Metern kam ich an und begutachtete den Stoß. Mit einer Beraubestange habe ich die Firste abgeklopft und loses Gestein abgebrochen. Ich hatte ein gutes Gefühl, denn es schien so weit alles sicher zu sein. In der Zwischenzeit ist natürlich die Baukolonne eingetroffen. Diese war jetzt nicht begeistert davon, dass sie hier nicht bauen konnten. So war das unter Tage, denn es änderte sich halt ständig etwas. Dann musste man schnell entscheiden und eine andere Lösung finden. Als Drittelführer war ich auch dafür verantwortlich, dass die aufgetragenen Arbeiten auch gemacht wurden. Sicherheit ging aber immer vor, denn es wäre zu gefährlich gewesen ohne Ausbau, würde das zweite Geschoss ausfallen. Jetzt konnte ich den Bohrwagen vorfahren, Druckluft- und Wasserschlauch ausgerollt und an die Versorgungsleitungen angeschlossen. Hier musste ich ca. 46 Löcher bohren. Jedes dieser Löcher ist 2,20 m lang. Jedes weitere Geschoss verlängerte die Strecke um dieses Maß. Das Gebirge auf der 6ten Teilsohle war recht hart und das Bohren der Löcher braucht seine Zeit. Um meine Arbeit zu schaffen, beschloss ich zur Pause nicht in die Frühstücksbucht zu gehen. Meine Brote ich während des Bohrens auf dem Bohrwagen. In diesem Stoß ging das ganz gut, es war zwar laut, aber trocken. Später auf der 3ten Teilsohle war mit Essen dann nichts mehr, denn dort regnete es einfach zu viel…. Während der Bohrarbeit kam mein Steiger vorbei. Er wunderte sich, dass ich schon hier am Bohren war. Nachdem ich ihm die Lage erklärt hatte, war er mit meiner Entscheidung einverstanden und machte sich weiter durch dem Abbau. Fertig! Endlich, denn es hat doch länger gedauert wie gedacht. Schläuche aufgerollt und ab zur 3ten Teilsohle. Beim Umsetzen des Bohrwagens kam mir auch schon das Schießfahrzeug entgegen. Dieser Kollege war für das Besetzen des Ortes verantwortlich. Besetzen bedeutete, dass die von mir gebohrten Löcher jetzt mit Sprengstoff gefüllt werden. Wir benutzten zur Sprengung elektrische Zeitzünder mit verschiedenen Zündstufen. Diese wurden in Sprengpatronen gesteckt und ins Bohrloch geführt. Anschließend wurde mit Druckluft das Andex aufgeblasen. Die einzelnen Zünder wurden dann in Reihe miteinander verbunden. Zum Schluss wurde das Ganze an die festverlegte Schießleitung angeschlossen. War das Ort fertig, wurde mit einem Warnschild abgesperrt. Jetzt war der Zugang für jeden verboten. Das zweite Geschoss war viel schneller fertig. Das Gestein war auf der 3ten Teilsohle ziemlich weich und es brauchte auch deutlich weniger Löcher. Aber wie schon erwähnt, war es hier sehr nass. Nach Beendigung der Bohrarbeiten hatte ich nichts Trockenes mehr an, die nassen Füße vom Schichtbeginn spielten keine Rolle mehr. Jetzt noch mit meinem Kollegen schnell das Ort besetzt. Durch das viele Wasser konnten wir hier kein Andex benutzen. Das ganze Ort musste mit Patronen besetzt werden. Geschafft, und der Kollege machte sich mit seinem Schießfahrzeug auf zum Schacht. Ich schloss noch die Sprengleitung an, sperrte den Zugang ab und fuhr meinen Bohrwagen zurück, stellte ihn für die nachfolgende Schicht an der Einfahrt 3te Teilsohle ab. Noch schnell die Pumpe überprüft und ich ging zur Pausenbucht. Dort angekommen, hörte ich das Geläster meiner Kollegen. „Schön, dass man dich auch mal sieht, wieder keine Pause gemacht!“ Ich packte meine Sachen in den Gezähewagen zurück und sagte „jau…….!“ Zum Schichtende musste ich zu einer festgelegten Uhrzeit die Geschosse sprengen. Die Wege waren manchmal ziemlich lang. Wenn ich diese zu Fuß gegangen wäre, hätte das viel zu lange gedauert. Wenn die Kollegen auf dem Weg zum Schacht waren, fuhr ich mit dem Geländewagen von Teilsohle zu Teilsohle und sprengte alle Geschosse. Schit, denn eines der Geschosse zündete nicht. Mit einem Messgerät überprüfte ich die Schießleitung. Ich hatte Glück, fand die Stelle, wo der Draht auseinander war, schnell. Nochmal gemessen, alles ok. Jetzt fuhr auch ich zum Schacht, musste aber schnell machen, um den Korb nach oben noch zu kriegen. Ich erreichte den letzten Korb zu Tage. Der Anschläger gab mir meine Marke und ich betrat als letzter den Korb. Ach ja, die Marke. Ich wollte ja noch die Funktion der Marken erklären. Nun, diese bekam jeder Beschäftigte zu Schichtbeginn an der Markenbude. Auf dieser stand die Personalnummer. Beim Einfahren in die Grube übergab man diese dem Anschläger. Alle abgegebenen Marken wurden sorgfältig auf einem Metallring der Reihe nach „aufgefädelt“. Schichtende, bei der Seilfahrt, nahm der Anschläger diese wieder von vorne her vom Ring, las die Nummer vor und übergab diese der dazugehörigen Person. Auf diese Weise bekam jeder so, wie er aufgetreten war, seine Marke zurück. Wenn jemand als erster den Korb betreten hatte, so war er jetzt auch wieder der Erste. Waren nach Beendigung der Seilfahrt Marken über, übergab der Anschläger diese dem Fahrsteiger. Der konnte dann sehen, wer die Grube noch nicht verlassen hatte. Ließ sich nicht klären, wo die Person war, wurde eine Such- bzw. Rettungsaktion eingeleitet. So war immer gewährleistet, dass jeder der einfuhr, auch wieder raus kam. Oben angekommen ging der Weg zur Stiefelwaschanlage. Diese reinigt mit Wasser und drehenden Bürsten die Gummistiefel. Wenn 100 Mann mit schlammigen Stiefeln in die Kaue gingen, kann man sich ja vorstellen, wie diese dann ausgesehen hätte! Mit sauberen Stiefel ging ich in die Kaue, Korb runtergelassen und endlich raus aus den nassen Klamotten. Alles wieder an den Korb gehängt, Seife und Schwamm genommen und ab unter die Dusche. Unter Bergleuten wurde sich „gepuckelt“. Hier stellten sich vier oder mehr Kammeraden in einen Kreis auf und man reinigte mir dem Schwamm seinem Vordermann den Rücken. So gesäubert ging es wieder zum Korb zurück, Vorhang an die Seite und die Straßenkleidung angezogen. Dadurch, dass die Körbe unter der Decke hingen, konnte der Kauenwärter die gesamte Kaue leicht sauber halten und die Arbeitskleidung war bis zur nächsten Schicht auch wieder getrocknet. Schloss vor und ab nach Hause. Vorbei an der Markenbude, dass letzte „Glück auf“, die Marke in die Sammelkiste geschmissen und wieder war eine Schicht geschafft. Ich war stolz darauf, Bergmann zu sein, auf das was ich leistete, auf unser Erz, unsere Technik, meine Arbeit. Es war körperlich schwere Arbeit. Mit zunehmender Technik und durch moderne Abbauverfahren wurde auch jede Menge Kopfarbeit gefordert. Über 16 Jahre durfte ich daran teilhaben.
Glück Auf Michael Myler