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Nach 20 Jahren

Erinnerungen nach 20 Jahren

In der Geschichte der Grube Hilfe Gottes wechselten gute Zeiten mit schlechten Zeiten immer wieder ab. In den letzten 160 Jahren lief der Grubenbetrieb ununterbrochen und es wurden in dieser Zeit ca. 19 Millionen Tonnen silberhaltige Blei-Zinkerze abgebaut. Damit gehörte die Grube zu den ertragreichsten Gangerz Revieren des Oberharzes. T rotz der schwierigen Lagerverhältnisse wurde die Grube in Bad Grund zu einer der modernsten Betriebe seiner Art ausgebaut. In der Blüte arbeiteten ca. 1300 Bergleute in den Gruben. Der 43 Meter hohe Förderturm steht heute noch auf dem ehemaligen Werksgelände und erinnert daran, dass neben dem Rammelsberg in Goslar, hier einmal eine der letzten modernen Gruben im Harz gewesen war. Mit zwölf Metern in der Sekunde ist man mit dem Förderkorb eingefahren. 653 m tiefer ist man auf der 19ten Sohle angekommen. Hier, am sogenannten Füllort, traf die einfahrende Schicht auf die ausfahrende Schicht. Ein „Glück Auf“ und ein kurzes Gespräch mit den Kumpels und schon ging es weiter zu den jeweiligen Revieren. Hier ist man mit kleinen Geländewagen über Rampen auf Betonfahrbahnen zu den Betriebspunkten gefahren. Die Strecken hatten einen Querschnitt von 18 Quadratmetern. Gesichert waren diese mit Spritzbeton, Anker und Maschendraht. Bei schlechten Gebirgsverhältnissen wurden Stahlausbaue gestellt. Angekommen am Arbeitsplatz wurde erst einmal „angebissen“. So nannten die Bergleute die Zeit am Schichtbeginn. Man saß kurz zusammen, eine Scheibe Brot und machte sich fertig für die Schicht. Um das Erz aus dem Berg zu lösen, wurden Sprengungen vorbereitet. Mit gleislos verfahrbaren Bohrwagen, die einen Druckluft betriebenen Bohrhammer auf einer Lafette hatten, bohrte man ca. 40 50 Löcher mit einem Durchmesser von 36 Millimetern. Dann kam ein Spezialfahrzeug zum Einsatz, das sogenannte „Schießfahrzeug“! Mit diesen wurden die Sprengmittel sicher transportiert. In jedes der Bohrlöcher wurde eine Sprengpatrone mit Elekrozünder gesteckt. Diese hatten verschiedene Zündzeiten und mussten in einer genau einzuhaltenden Reihenfolge eingebracht werden. Danach wurde mit Druckluft der preiswertere Andex Sprengstoff eingeblasen. Die Zünder wurden in Reihenschaltung miteinander verbunden und an die festverlegte Hauptleitung angeschlossen. Schichtende fuhr der Schießhauer durch den Abbau und zündete aus sicherer Entfernung mit einer Kondensator-Zündmaschine die von ihm besetzten Geschosse. Das lose Gestein (Haufwerk) wurde mit besonders wendigen Ladefahrzeugen zum Erzbunker transportiert und dort zwischengelagert. Bei jeder Sprengung wurden ca. 60 Tonnen Roherz freigelegt. Mit großen dieselbetriebenen Muldenkippern (7,5 Kubikmeter Fassungsvermögen) wurde das Erz weiter zum Schachtbunker gefahren. Dieser hatte eine Kapazität von 700 Tonnen. Diese Fahrzeuge waren auf der 20ten bzw. auf der 21ten Sohle im Einsatz. Auf der Hauptförderstrecke, der 19ten Sohle, wurde das Erz in schienengebundenen Großförderwagen (Fassungsvermögen 5,4 Kubikmeter je Waggon) zum Schachtbunker gefahren. Dieser Zug fuhr im Wechselbetrieb zwischen Ostfeldbunker und Westfeldbunker hin und her. Je am Anfang und am Ende des Zuges befand sich eine akkubetriebene Lock. Somit brauchte man beim Fahrrichtungswechsel keine Rangierarbeiten durchführen. Bei der Erzförderung im Schacht wurden die mittlere und untere Etage des Förderkorbes je mit zwei Loren bestückt. Diese hatten je ein Fassungsvermögen von 1000 Litern. Aus 713 m Tiefe sind so in einer Stunde ca. 200 Tonnen Roherz zu Tage gefördert worden. Diese Leistung war nur möglich durch die fast voll Automatisierung der Produktenförderung. Auf der Subsohle wurden durch einen Bediener immer gleichzeitig zwei Förderwagen beladen. Durch den Anschläger wurden mit Druckluftaufschieber die Wagen auf den Förderkorb geschoben. Dabei sind die leeren Wagen mit abgeschoben worden. Diese reihten sich dann wieder zum Befüllen ein. Mit 16 Metern in der Sekunde wurden die Waggons zu Tage gefördert. Immer wenn vier volle Wagen auf dem Weg nach oben waren, sind auf der Gegenseite vier leere Wagen nach unten gefahren. Für die technische Betreuung der Fahrzeuge war in Schachtnähe der 19ten Sohle eine große Werkstatt. Hier konnten alle anfallenden Reparaturen und Wartungsarbeiten durchgeführt werden. Ging einmal ein Fahrzeug im Abbau kaputt oder man benötigte eine Starthilfe, genügte ein Anruf und ein Schlosser ist mit einem extra dafür umgebauten Geländewagen zu Hilfe gekommen. Seit den 28.03.1992 gibt es das alles nicht mehr. Immer, wenn ich mich mit dem Bergbau beschäftige, kommen alle Erinnerungen von dieser Zeit wieder. Es war einfach eine gute Zeit und ich bin froh, 16 Jahre daran teil gehabt zu haben.
Hier sieht man mich beim “Besetzen” eines Ortes. Der Sprengstoff wurde mit extra dafür vorgesehenen Fahrzeugen aus der Schacht nahen Sprengstoffkammer zu den verschiedenen Einsatzorten transportiert. In diesen Fahrzeugen wurden alle benötigten Sprengmittel befördert. (z.B. Sprengstoff, Zünder, Schießdraht). Nach Beendigung der Bohrarbeit fuhr man zum Betriebspunkt, besetzte das Ort, überprüfte die Schießleitung und bevor es zum nächsten Ort ging, sperrte man die Zufahrt mit Warnschildern ab. Jetzt durfte niemand mehr ohne meiner Begleitung diesen Betriebspunkt betreten. Schichtende, wenn alle Orte besetzt waren und niemand mehr im Abbau war, fuhr ich mit einen Geländewagen durch das Baufeld und zündete die von mir besetzten “Geschosse”.
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